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Wolfgang Kappen

                                                              

 

 

Ich glaube inzwischen, daß die römische Armee unter Varus, die im Jahre 9 an der Weser  einen schönen Sommer erlebt und mit Sicherheit nicht viel geübt hatte, durch den überraschenden Angriff auf die Abstellungen schockiert worden ist. Der überstürzte Abmarsch und  die Angriffe der Germanen hat das Selbstbewußtsein weiter untergraben. Der „Feldherr“ Varus  hatte wahrscheinlich kein Gespür dafür  und unternahm  nichts gegen die Erosion. So brach die Armee auseinander, obwohl die Belastungen  bis dahin nicht außergewöhnlich hoch gewesen waren. Indizien dafür sind die Ausführungen von Paterculus über das Verhalten der Legaten beim Kampf im Lager und die Flucht der Reiterei.

Daß die römische Armee nicht übermäßig gefestigt  und für Panik anfällig war, wird in den Schilderungen des Tacitus über die Feldzüge des Germanicus deutlich, in denen es wiederholt nur durch das Eingreifen des Feldherrn gelingt, die Truppe an der Flucht aus dem Lager zu hindern.

 

Die Verantwortung für den Untergang aber trug letztlich Augustus, der die Lage in Germanien falsch beurteilt  und mit Varus einen Verwaltungsmann berufen hatte, der in der Krise der Belastung nicht gewachsen war.  Augustus war  nicht daran interessiert, dies publik werden zu lassen. Er wollte sicherlich auch nicht das Versagen der Armee offenkundig werden lassen, um nicht Völkern anderer Provinzen eine Chance zu eröffnen, sich ebenfalls zu erheben. Da lag es nahe, eine Geschichte zu lancieren, daß die Armee durch die Treulosigkeit eines germanischen Unterführers in dichten Wäldern und Sümpfen in einen Hinterhalt gelockt wurde, in dem sie keine Chance hatte.

 

Wir waren uns einig, daß der Raum Höxter Beverungen aus logistischer Sicht der günstigste Platz für das Sommerlager war.  Meiner Theorie folgend müßte Varus nach dem fluchtartigen Abmarsch von dort im Raum Reelsen sein erstes Marschlager aufgeschlagen haben, um auf die nachfolgenden Legionen zu warten. Es spricht viel dafür, daß er seinen Troß gleich weiter nach Aliso (?) geschickt hat. Wenn wir Tacitus folgen, ist er in diesem ersten (Marsch)Lager  mit zwei Legionen umgekommen.

Dann müssen die Reste des Tumulus dort zu finden sein. Ich habe versucht nachzuvollziehen, wie die Bestattung der Gebeine stattgefunden haben könnte.

Bei meinen ersten Überlegungen habe ich angenommen, daß in diesem Tumulus die Gebeine von mehr als fünftausend Soldaten liegen müßten. Das glaube ich inzwischen nicht mehr: Nach meiner Theorie haben die Legionen die ersten Tausend Mann beim Überfall auf die Abstellungen verloren. Weitere vielleicht 500 Soldaten sind bei den Angriffen im Anstieg auf den Höhenkamm gefallen.

Wie viele Soldaten im Lager gefallen sind, hängt davon ab, wie der Angriff auf das Lager ablief. Ich bin bisher davon ausgegangen, daß die Germanen in das nur unzureichend befestigte Lager eingedrungen sind. Denkbar ist aber auch, daß Arminius mit seiner Reiterei  von innen her das Lager aufbrach.

Nach Dio hat Arminius beim überstürzten Abmarsch des Varus diesem noch das Geleit gegeben und sich abgemeldet, um seine Reiterei zu mobilisieren. Das hat Dio sich nicht aus den Fingern gesogen, dafür muß es zu seiner Zeit noch Hinweise und Quellen gegeben haben. Für Varus war Arminius damit immer noch Verbündeter, und er konnte darauf hoffen, daß er möglichst bald zur Verstärkung im ersten Lager eintreffen würde. Arminius wird seine Reiterei, die wahrscheinlich den Angriff auf die Abstellungen im Sommerlager durchgeführt hatte, gesammelt haben. Er wußte, was die Legionen planten und konnte mitverfolgen, wie sich der Angriff durch die ihm zur Unterstützung gesandten Truppen im Anstieg auf den Kamm des Eggegebirges auswirkte.

Es ist möglich, daß er die Nerven hatte, mit seiner Reiterei, auf die die Römer ja warteten, ins Lager einzumarschieren und den ihm reservierten Teil des Lagers zu beziehen, während seine Fußtruppen nach den Angriffen im Anstieg zum Kamm des Eggegebirges sich in der Nähe des Lagers sammelten. Arminius könnte gewartet haben, bis alles schlief und dann mit den Soldaten seiner Reiterei  abgesessen losgeschlagen haben, die Wachen ausgeschaltet , die Tore geöffnet  und seine Fußtruppen eingelassen haben.

Mit hoher Wahrscheinlichkeit hat Arminius auch das Zelt des Varus angreifen lassen. Es gelang offensichtlich auch, ihn zu verwunden. Nach diesem Schock wird auch dessen  Selbstmord erklärbar : Während er bis dahin annehmen konnte, daß es sich um einen germanischen Aufstand handelte, dessen Initiatoren unbekannt waren, mußte Varus nun erkennen, daß Arminius der Anführer war und er, Varus, durch seine Gutgläubigkeit  für den sich anbahnenden Untergang seiner Armee  allein verantwortlich war. Vor zwei Tagen noch hatte er davon ausgehen können, erfolgreich zu sein und dem Kaiser die Befriedung Germaniens melden zu können. Nun mußte er erkennen, daß er gegen alle Warnungen einem Mann vertraut hatte, der nun im Begriff war, seine Armee zu vernichten.

 

Nach der ersten Überraschung beim Kampf im Lager ist es den Römern offensichtlich gelungen, sich zu formieren. Sie werden, vielleicht in den Legionen getrennt, Karrees gebildet haben, deren Geschlossenheit die Germanen von weiteren Angriffen abschreckte. Dies schließe ich daraus, daß es ihnen offensichtlich möglich war, einen Versuch zu unternehmen, die Leiche ihres Oberkommandierenden zu verbrennen. Dazu muß man eine erhebliche Menge an brennbarem Material sammeln und anzünden, und das geht nicht während einer Schlacht, die im Lager hin- und herwogt. Als die Reiterei geflohen war und die dritte Legion nicht zum Entsatz herankam, wurde die Lage hoffnungslos und die Legaten waren sich nicht einig, ob man weiterkämpfen oder aufgeben sollte.  Die Germanen werden sich um die Römer herum aufgestellt haben und sie zur Aufgabe aufgefordert haben.  Gegen Mittag haben die Römer kapituliert, ohne daß es noch zu schweren Kämpfen im Lager gekommen ist. Darauf deutet auch die Schilderung des Tacitus hin, der von den zusammengeschmolzenen Resten spricht.  Daher vermute ich, daß nur einige Hundert Römer in dem Lager gefallen sind und zwar überwiegend beim ersten überraschenden Angriff.

 

 

Nach meiner Schätzung sind im Lager nicht mehr als 500-600 Männer gefallen. Angenommen, jeder Körper besteht aus 12 Kilogramm Knochen, dann kommt vom Volumen gerade eine LKW-Ladung zusammen.

 

Als Germanicus sechs Jahre später dorthin kommt, entschließt er sich- wahrscheinlich spontan- , die Gebeine zu bestatten. Da dies einige Stunden in Anspruch nehmen würde, mußte das Heer dort übernachten und das dafür  nötige Lager errichten. Ich habe versucht, mich in die Lage des Germanicus zu versetzen und überlegt, ob dieser von Beginn an das Bild eines Tumulus vor Augen hatte. Dann hätte er versucht, diesen an einem markanten Punkt,  also auf einem Hügel anzulegen. Auf einem Hügel kommt man erfahrungsgemäß nicht gut in die Erde. Es ist wahrscheinlicher, daß er nur den Auftrag gegeben hat, die Gebeine einzusammeln und zu bestatten und die Umsetzung seinem Stab überlassen hat. Dann hat der Stab  Aufträge an die Legionen verteilt. Eine Legion könnte mit der Bestattung beauftragt worden sein, während die anderen das Nachtlager anlegten. Innerhalb der  mit der Beerdigung beauftragten Legion könnte eine Cohorte für das Graben der Grube zuständig gewesen sein, die zweite für das Einsammeln der Gebeine.

Der für das Graben zuständige Einheitsführer wird einmal über den Lagerplatz gegangen sein, um das Volumen abzuschätzen. Er wird denselben Eindruck gehabt haben, den Tacitus schildert, als er von zusammengeschmolzenen Resten spricht und  befohlen haben, eine vielleicht zehn mal zehn Meter große Grube ausheben. Dafür wird er angesichts der Holzspaten eine Senke gewählt haben, in der er nicht mit Steinen rechnen mußte. Wer erfahren hat, wie ungern Soldaten schanzen und wie schwierig es ist, mit vielen Menschen eine Grube auszuheben ohne sich gegenseitig nur zu behindern, weiß,  daß die Grube mit großer Wahrscheinlichkeit nicht tiefer als einen Meter wurde. Die mit dem Zusammentragen der Knochen beauftragte Cohorte wird schon sehr schnell die ersten Knochen angebracht und neben der entstehenden Grube abgelegt haben. Als das Graben beendet und die Knochen in die Grube geworfen wurden, war sie schnell gefüllt, da die Soldaten die Gebeine sehr wahrscheinlich nicht raumsparend und geordnet abgelegt haben. Da immer noch Knochen angebracht wurden,  machte man aus der Not eine Tugend, türmte die Knochen zu einem Hügel und bedeckte sie mit dem Erdaushub. Da die Erde zwischen den Knochen hindurchrieselte, entschloß man sich, Grassoden am naheliegenden Hügel abzustechen und damit den Hügel zu bedecken.

Bei Tacitus steht, daß ein Jahr später festgestellt wurde, daß der Tumulus geschleift worden sei.

Dies mag richtig sein. Es ist aber ebenfalls denkbar, daß die aufgetragene Erde unter den Witterungseinflüssen im Laufe der Jahre in die Hohlräume zwischen den Knochen verschwand und der Hügel weiter zusammenfiel, bis er nur noch eine kleine Erhöhung war.

 

 

Soweit meine Überlegungen zu einem denkbaren Ablauf der Bestattung. Wenn man  am Nordrand des Römberges steht und nach Süden schaut, sieht man, daß an der Westflanke des Römberges offensichtlich auf zwei Ebenen Erde abgetragen wurde. Wenn dort jemand Erde entnommen hat, stellt sich natürlich die Frage,  wohin er sie gebracht hat und zu welchem Zweck.

Als ich dann vom Römberg nach Westen auf die dort stehenden Pappeln zuging, entdeckte ich dort etwas nördlich davon einen Erhöhung auf der Wiese , die nicht natürlich wirkt und nach Süden mit einer Hangkante von fast einem Meter Höhe abschließt. Wenn man dort steht und gegen die  Abtragungen des Römberges schaut, liegt es nahe, daß die dort abgetragene Erde zum Auffüllen dieses Podestes gedient haben könnte.

Da kam mir der Gedanke an unseren Tumulus. Angenommen, das Lager um den Römberg war das Lager, in dem Varus mit zwei Legionen umkam und Germanicus fand das Schlachtfeld sechs Jahre später, dann könnten die Römer in dieser Senke eine Grube von 10 mal 10 Meterausgehoben haben, dort die Gebeine zusammengetragen haben und sie mit dem Erdaushub bedeckt haben. Da die Erde nicht reichte, um den Knochenberg zu bedecken, wurde zusätzliche Erde am Romberg abgetragen und auf den Knochenhaufen geschüttet, bis die Knochen darunter verborgen waren. Dann wurden  die am Romberg abgestochenen Grassoden  darauf abgelegt, bis der Hügel wie ein Grashügel aussah.

 

Langer Rede kurzer Sinn:  Wenn Varus in diesem Lager umkam, könnte dieses Podest das Massengrab sein, in dem sich Knochenreste finden lassen müßten.

Eine zweite Möglichkeit bietet der Acker südlich der Lagerkreuzung, den Prof. Dr. Rikus wegen seiner Phosphatanreicherung  in seinem Artikel Römerlager bei Brembühren erwähnt. Er führt das auf Fäkalien zurück. Ist es nicht denkbar, daß auch die sich zersetzenden Knochen zu einem ähnlichen Ergebnis führen?